Das Schwabenbächl – ein kleiner Bach mit bewegter Geschichte

Von G.R.

 

Als Kinder dachten wir, das Schwabenbächl entspringt in den Kiesbergen beim alten Dorf Ludwigsfeld. Wir wussten ja damals nicht, dass die Kiesberge die künstliche Aufschüttung für den noch in den 30er Jahren geplanten Verschiebebahnhof München-Nord waren.

Tatsächlich aber hat das Schwabenbächl seinen Ursprung im Kleinen See im Nymphenburger Schlosspark, der auch als Pagodenburger See bezeichnet wird. Und so fließt das Schwabenbächl als idyllischer Bach an der in den Jahren 1717-1719 errichteten Pagodenburg vorbei im sog. Pagodenburger Tal durch den Nymphenburger Schlosspark nach Norden, verlässt diesen nach dem Kugelweiher und unterquert die Menzinger Straße.

Hier entspringt das Schwabenbächl

 

Und dann fließt der Bach weiter durch Hartmannshofen /deshalb wird er hier manchmal auch als Hartmannshofer Bach bezeichnet/ und Moosach, aber auch hier bereits oft in Rohren verlegt, also unterirdisch. Nach der Waldhornstraße in Moosach kommt das Schwabenbächl aus dem Untergrund, um dann in einem Durchlass, den die Firma Leonhard Moll 1940 gebaut hat, unter dem Rangierbahnhof hindurchzufließen und westlich der neuen Dachauer Straße beim alten Dorf Ludwigsfeld an die Oberfläche zu kommen, dann östlich und später  wieder westlich der Dachauer Straße zu fließen.

1927 war eine öffentliche Wassergenossenschaft zur Regulierung des Schwabenbächls und zur Entwässerung der anliegenden Grundstücke in der Gemeinde Ludwigsfeld gebildet worden. Diese Genossenschaft baute westlich des Gasthauses "Zur Lüfte" eine Schleuse, durch die Wasser aus dem Schwabenbächl in den Metzgerbach /dieser wurde auf einigen Karten auch als Schwabenbächl I bezeichnet/ geleitet wurde.

Der Metzgerbach speiste mit seinem Wasser in den 30er Jahren das Ludwigsbad, nach seinem Besitzer Fritz Wagner auch als Wagnerbad bezeichnet, an der heutigen Ferchenbachstraße. Nach der Tieferlegung des Schwabenbächls lief der Metzgerbach trocken, weil kein Wasser mehr durch die Schleuse geleitet werden konnte, und das Ludwigsbad hörte auf zu existieren.

Die Firma Moll betrieb ab 1940 Jahre bis 1943 ungefähr auf Höhe des Gasthauses "Zur Lüfte", westlich des Schwabenbächls in Ludwigsfeld, Pl. Nr. 201 und 202, ein Lager für Fremdarbeiter. Die Firma Moll baute nämlich nicht nur den Durchlass für das Schwabenbächl unter der Kiesaufschüttung für den Verschiebebahnhof, sondern schaffte diesen Kies auch auf dem sog. Mollgleis /die Fundamente für die Brücke über den Würmkanal kann man übrigens noch am Ludwigsfelder Ufer sehen/ von der Entnahmegrube 11 (jetzt Karlsfelder See) hierher.

Anfang 1944 übernahm die Firma BMW das Moll-Lager und belegte es mit einem Arbeitskommando und 900 Kriegsgefangenen. Die BMW-Flugmotorenbau GmbH bat mit Schreiben vom 17.4.1944 darum, den betonierten Schwabenbachdurchlass als Deckung bei ev. Fliegerangriffen nutzen zu dürfen, was das Wasserwirtschaftsamt München ablehnte, weil durch Einbauten bei Hochwasser Überschwemmungsgefahr bestünde.

Die BMW-Flugmotorenbau GmbH war überhaupt verantwortlich dafür, dass das Schwabenbächl in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts die größten Veränderungen in seinem Unterlauf erlebte. So wurde der Bach in den Jahren 1936-1940 als Vorfluter für die Abwässer aus dem BMW-Werk Allach missbraucht. Das Schwabenbächl floss damals nämlich westlich des BMW-Werks durch den Allacher Forst und mündete in der Nähe des Gilmer Schlosses in den Würmkanal.

Im Dezember 1939 wurde die erste Verlegung des Bachs, weil das Werk ein erstes Mal nach Westen erweitert wurde, abgeschlossen. Das Schwabenbächl floss kurzzeitig etwa ab der Kläranlage, Pl. Nr. 1427 1/3, auf dem Werksgelände zuerst direkt nach Westen durch den Allacher Forst und dann in einem Bogen um das BMW-Werksgelände herum nach Norden zur Einmündung in den Würmkanal.

1940 sollte das BMW-Werk Allach aus kriegswirtschaftlichen Gründen noch weiter nach Westen erweitert werden, und deshalb mussten das Schwabenbächl und die das Werksgelände unterquerende Diamalt-Abwasserleitung verlegt werden. Die damals für das Werk Allach als Rechtsnachfolgerin der Flugmotorenfabrik Allach GmbH zuständige Luftfahrtanlagen GmbH mit Sitz in Berlin zahlte am 5.10.1940 5.000 RM als Entschädigung für die Verlegung des Schwabenbächls an den Besitzer des Bachs, das Land Bayern, vertreten durch die Bayerische Landesforstverwaltung.

Die Firma Gebr. Eckert führte ab dem Sommer 1940 im Auftrag der Firma BMW, ohne den wasserpolizeilichen Bescheid abzuwarten, aber mit Zustimmung des Kulturbauamts München, die Verlegung des Schwabenbächls (ab Pl. Nr. 151, Ludwigsfeld) auf die östliche Seite der Dachauer Straße, an die Grenze der Gemarkungen Ludwigsfeld und Feldmoching, durch.

Im Laufe dieser Bachverlegung wurde 1941 die Brücke für die Karlsfelder Straße, die damals Feldmochinger Straße hieß, errichtet. Erst am 13. Mai 1943, als die Verlegung bereits durchgeführt war, erging der wasserpolizeiliche Bescheid, mit dem der Oberbürgermeister der Stadt München der Bayerischen Flugmotorenbau-GmbH in München-Allach die wasserpolizeiliche Erlaubnis zur Verlegung des Schwabenbaches /so hieß dieser Bach immer wieder fälschlicherweise in offiziellen Dokumenten/ erteilte, aber auch die Instandhaltungspflicht für den Bach der Firma BMW auferlegte.

1942-1943 entstand gleich östlich anliegend an das verlegte Schwabenbächl auf Grundstücken der Gemarkung Feldmoching, Flurname Schlechtfeld, das KZ-Außenlager Allach, anfangs auch als Russenlager, der BMW gehörig, bezeichnet. Um die KZ-Häftlinge auf direktem Weg zum BMW-Werk zur Zwangsarbeit treiben zu können, und ohne dass sie Kontakt zur einheimischen Bevölkerung hatten, wurde 1944 auf Höhe der heutigen Kristallstraße 21 eine Brücke über das Schwabenbächl gebaut.

Foto 1945 nach der Befreiung (Brücke über das Schwabenbächl, über die die Zwangsarbeiter zur Arbeit auf das Werksgelände der BMW getrieben wurden)

 

Diese Brücke wurde nach der Vollendung des Baus der Siedlung Ludwigsfeld abgerissen, vorher hatte sie noch als Zufahrt zur Baustelle gedient. Überreste ihrer Fundamente sind aber immer noch zu sehen, genau so wie weiter nördlich eine Einbuchtung im Bachlauf, die ein Bombentreffer hinterlassen hat.

Die Grundstückseigentümer-Anlieger erhielten wegen der Verlegung des Schwabenbächls Entschädigungen, blieben aber Eigentümer der Anliegergrundstücke. Für die Instandhaltung des verlegten Schwabenbächls (von der Abzweigung vom alten Bachlauf bei Pl. Nr. 151, Gemeinde Ludwigsfeld, bis zur Mündung in den Würmkanal) einschließlich der Dämme war aber laut dem wasserpolizeilichen Bescheid vom 13.5.1943 einzig und allein die Firma BMW verantwortlich.

Die Firma BMW versuchte in den 50er Jahren mehrmals, die Instandhaltungspflicht abzuwälzen, was jedoch die Stadt München ablehnte. 1951 kaufte zwar der Bund das Gelände für die Siedlung Ludwigsfeld, war aber nur im südlichen Teil des verlegten Schwabenbächls von der Karlsfelder Straße bis zur Dachauer Straße Eigentümer des Baugeländes, im nördlichen Teil vom Würmkanal bis zur Karlsfelder Straße war er nur einseitiger Anlieger. Der jetzige Eigentümer ist seit 2007, seit dem Kauf der Siedlung Ludwigsfeld, die Patrizia AG. Die Instandhaltungspflicht für das Gewässer obliegt gewöhnlich dem Eigentümer, im Fall des Schwabenbächls also der Patrizia AG.

Einen besonderen Beitrag zum Erhalt des Schwabenbächls leistet übrigens die Firma MTU Aero Engines. Sie fördert in einer eigenen Brunnenanlage Grundwasser, das der Kühlung der Produktionsanlagen dient. Der größte Teil des gebrauchten Grundwassers wird in den Grundwasserbereich zurückgeleitet, während ein kleinerer Teil in das Schwabenbächl eingeleitet wird.

Und so stellt und stellte das ca. 7,5 km lange Schwabenbächl, auch wenn es in seinem Unterlauf in der NS-Zeit starke Veränderungen erfuhr – Tieferlegung, zweifache Verlegung, Führung in einem betonierten Durchlass unter den Kiesbergen - und viel Leid sah, die Verbindung zwischen Bauwerken aus der Barockzeit dar – zwischen der Pagodenburg im Nymphenburger Schlosspark und dem 1601 erbauten und 1690/1691 teilweise verlegten Würmkanal.

Folglich ist es nur logisch, dass entlang des Schwabenbächls ein Radweg gebaut werden soll, der alle historischen Orte und auch Kunstwerke am und in der Nähe des Bachs verbindet und auf einer Brücke über den Würmkanal eine Verbindung zu dem bereits bestehenden Radweg "entlang barocker Wasserwege", denn ein solcher ist ja der Würmkanal, darstellt.

(Hier mündet das Schwabenbächl in den Würmkanal. An dieser Stelle soll eine Geh- und Radwegbrücke über den Würmkanal entstehen, die entlang Barocker Wasserwege die Siedlung Ludwigsfeld mit der Gemeinde Karlsfeld verbindet)

 

/Quellen: Staatsarchiv München, Wasserwirtschaftsämter 1644,1645

                Staatsarchiv München, Autobahndirektion Südbayern 1647

                Staatsarchiv München, Oberforstdirektion (OforstD) 3665, 3666

                Stadtarchiv München, Baureferat-Tiefbau 1341

                Stadtarchiv München, Umweltschutzreferat 101/5/